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Immer wieder auf offene Türen angewiesen: Ein Interview mit Christian Thönelt zu Eigenständiger Jugendpolitik in Mecklenburg-Vorpommern

C. Thoenelt

In der konkreten Arbeit vor Ort, aber eben auch auf Länderebene zeigt sich immer wieder, wie wichtig gute und verlässliche Kooperationen zwischen Politik und zivilgesellschaftlichen Akteuren sind, um die Eigenständige Jugendpolitik auf möglichst vielen Ebenen und vielen Bereichen zu verankern. Christian Thönelt, Referent beim Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern gibt uns im Interview einen Einblick in die Gelingenbedingungen guter Kooperation und die Rolle der Landesjugendringe in diesem Feld.

Ihr habt in Mecklenburg-Vorpommern zuletzt mit der Landeskonferenz „Eigenständige Jugendpolitik MV“ das Thema weiterbearbeitet. Warum ist Eigenständige Jugendpolitik für euch ein Anliegen?

Eigenständige Jugendpolitik ist für uns kein neuer Schwerpunkt, sondern schon immer eine unumstößliche Notwendigkeit und ein Qualitätsmerkmal für gute und gelingende Jugend(verbands)arbeit. Jeder Jugendverband ist gleichzeitig immer auch Werteverband, in dem sich junge Menschen mit ähnlichen Interessen organisieren, diskutieren und gemeinsame Aktivitäten/ Projekte/Feiern umsetzen. Dabei gestalten Jugendliche wie selbstverständlich Zielsetzungen und Schwerpunkte eines Jugendverbands maßgeblich mit. Verbände, welche von diesem Grundsatz abweichen, besitzen zurecht nur wenig Zukunfts- und Entwicklungschancen.

Für unsere Städte und Gemeinden wird Jugendbeteiligung ebenfalls zu einem Gradmesser für ihre eigene Zukunftsfähigkeit. Es hat sich einiges geändert. Wir leben nicht mehr in einer Gesellschaft, welche mehrheitlich von den Interessen jüngerer Menschen geprägt wird. Die demographische Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommerns macht dies überaus deutlich. In manchen ländlichen Regionen gehören Jugend und ihre Themensetzungen nahezu nicht mehr zum alltäglichem Bild. Damit einhergehend sinkt die Attraktivität eines Sozialraumes für die jungen Menschen. Sie finden keine für sie nutzbaren Strukturen, keine politische Lobby bzw. kein universelles gesellschaftliches Verständnis für ihre Lebensweise, Interessen und Ideen mehr vor. Es stellt sich die Frage: Wie gehen wir heute damit um? Eine Gemeinde bzw. Stadt hat letztendlich nur eine Zukunft, wenn sie es schafft, Jugend mit ihren Ideen und Wünschen wahrzunehmen, einzubinden und mitgestalten zu lassen. Also wenn sie es schafft, Jugend durch positive Erfahrungen auch längerfristig an sich zu binden.

Eigenständige Jugendpolitik setzt genau hier an. Wir müssen versuchen, neue Allianzen auf allen Ebenen für mehr Jugendbeteiligung zu schaffen. Wir müssen gemeinsam mit Jugend-, Bau- und Verkehrsämtern, mit Kreistagen und Stadtparlamenten, dem Landtag und den Ministerien nachhaltige und attraktive jugendgerechte Zugangs- und Mitwirkungsinstrumente für Mecklenburg-Vorpommern entwickeln. Zudem müssen wir versuchen, der Jugend einen selbstbestimmten Raum zu überlassen, um schlichtweg in ländlichen und städtischen Regionen „Jugend leben“ wieder zu ermöglichen. Eine schwierige aber zutiefst notwendige Aufgabe, welche ohne öffentliche und freie Partner nicht umsetzbar sein wird.

Voraussetzung für einen solchen Prozess sind nicht (nur) die finanziellen Mittel, sondern das notwendige Vertrauen in die Jugend. Jugendliche müssen als Experten ihrer eigenen Lebenswelt und als politische Akteure wahrgenommen werden. Es bedarf eines Dialoges auf Augenhöhe unter Verwendung verschiedener jugendgerechter Mitwirkungswege, fernab der bürokratischen Pfade eines Amtes.

Eigenständige Jugendpolitik will ressortübergreifend und vernetzend wirken. Welche Partner und Akteure bearbeiten mit euch das Thema, und wer steht noch auf eurem „Wunschzettel“?

Richtig, für eine Verwirklichung einer Eigenständigen Jugendpolitik müssen nahezu alle Organisationen der Daseinsvorsorge kooperieren. Die kommunalen Strukturen bilden die konkrete Arbeitsebene. Als Landesjugendring arbeiten wir eng mit dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern zusammen, insbesondere mit dem Sozialausschuss des Landtages. Gemeinsam organisieren wir für die Jahre 2018-2019 die Anhörungsreihe „Jung sein in M-V“, innerhalb der Landespolitikerinnen und Landespolitiker, Jugendliche und Experten und Expertinnen ausschließlich über junge Themen sowie über Herausforderungen und Problemlagen junger Menschen in Mecklenburg-Vorpommern diskutieren werden. Jugendbeteiligung wird ein zentraler Punkt auf der Tagesordnung sein. Ergänzend zur Anhörungsreihe streben wir im Landesjugendhilfeausschuss M-V einen Unterausschuss zum Thema „Eigenständige Jugendpolitik“ an, in dem freie als auch öffentliche Träger begleitend Empfehlungen aussprechen könnten.

Auf der Landesebene sehen wir derzeit viele offene Türen und Ohren für unser Anliegen. Wir hoffen, dass die Hinwendung zur Jugend aufrichtig ist und ernst gemeint ist. Letztendlich nimmt die Landesebene die Schlüsselfunktion ein, um das Thema Eigenständige Jugendpolitik auf die Kommunen runterzubrechen. Sicherlich müssen wir hier zukünftig über eine hinreichende Mindestausstattung der Kommunen (Strukturen und Finanzen), über Beteiligungsmodelle und -möglichkeiten und über kommunalrechtlich verpflichtende Aufgaben reden. Hierzu wünschen wir uns eine engere und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Städte- und Gemeindetag M-V und der Kommunalpolitik. Für die Entwicklung des Prozesses innerhalb der Landkreise könnten die Stadt- und Kreisjugendringe eine bedeutende Rolle einnehmen.

Die Eigenständige Jugendpolitik ist nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern ein Thema, auch andere Bundesländer haben ihre Jugendpolitik in den letzten Jahren neu ausgerichtet. Wie erklärt ihr euch das?

Andere Länder unterliegen den gleichen strukturellen Rahmenbedingungen und demnach auch den gleichen Herausforderungen wie Mecklenburg-Vorpommern. Einige Bundesländer sind bei der Implementierung einer Eigenständigen Jugendpolitik auch schon viel weiter als wir. Mecklenburg-Vorpommern hat, was die Jugendförderung betrifft, noch recht viel Entwicklungs- und Aufholbedarf. Wir haben vorrangig auf kommunaler Seite viele strukturelle Probleme, so dass viele Akteure (freie und öffentliche Träger) hinter ihren eigenen Potenzialen und Möglichkeiten leider zurückstehen müssen. Wenn wir diese Herausforderung packen, sehen wir Mecklenburg-Vorpommern für eine Aufholjagd auf dem Gebiet der Eigenständigen Jugendpolitik bestens gewappnet.

Die Diskussionen um die Eigenständige Jugendpolitik finden auf allen Ebenen, von den Kommunen bis Europa, statt. Welche Aspekte bringen insbesondere die Länder in die Diskussion ein, und was können die anderen Ebenen sich von den Bundesländern abschauen?

Für die anderen Bundeländer kann ich nicht sprechen. In Mecklenburg-Vorpommern war es der Landtag, welcher sich in regelmäßigen Projekten wie „Jugend im Landtag“ oder „Jugend fragt nach“ über Jugendthemen informierte. Innerhalb dieser Projekte hat eine Vielzahl junger Menschen ihre Ideen, Themen und Forderungen gegenüber den Abgeordneten anbringen können. Die Anhörungsreihe „Jung sein in M-V“ würde es ohne das Engagement dieser Jugendlichen schlichtweg nicht geben. Die Abgeordneten des Landtages waren es, welche sich auf einen aufrichtigen Dialog mit den Jugendlichen eingelassen haben. Sie haben erkannt, dass junge Menschen politikbegeistert sein können, dass sie hartnäckig ihre Ziele verfolgen und auch pragmatische Lösungsvorschläge präsentieren können. Dieses Bewusstsein musste über einen langen Zeitraum wachsen. Daher sollten unserer Meinung nach vermehrt Jugendbeteiligungsprojekte in Kommunal-, Bundes- und Europaparlamenten umgesetzt werden. Wenn diese Projekte unter Beteiligung und Mitwirkung der Jugendlichen umgesetzt werden, werden viele der beteiligten Jugendlichen den weiteren Prozess eigenständig einfordern. Sie brauchen hier lediglich die notwendigen Unterstützungs- und Begleitstrukturen, für die teils etwas sperrigen, teils bürokratischen und langen Wege einer Neujustierung der bestehenden Strukturen.

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